Zeit und Gefühl

"Die Gegenwart schrumpft". Der Soziologe Hartmut Rosa erklärt in SZ Wissen, wie die zunehmende soziale Beschleunigung die Gesellschaft und das Ich in Gefahr bringt.

SZ Wissen: Es ist gar nicht einfach, einen Termin bei einem Zeittheoretiker zu bekommen.

Hartmut Rosa: Es stimmt, seitdem ich mein Buch über Beschleunigung geschrieben habe, habe ich tatsächlich kaum noch Zeit, weil alle mit mir reden wollen: Journalisten, Theatermacher, Kirchenvertreter; sogar Bundeswehroffiziere melden sich und sagen: Auch wir kämpfen gegen dieses Zeitproblem.

SZ Wissen: Kommen auch Investmentbanker?

Rosa: Nein, vielleicht weil viele Banker jetzt eher unter Güterarmut leiden, aber Zeitwohlstand genießen. Aber im Ernst: Es besteht kein Zweifel, dass die Weltfinanzkrise auch durch eine massive Verkürzung der Kalkulationshorizonte entstanden ist, sodass die Renditen sich in immer kürzeren Horizonten realisieren mussten.

SZ Wissen: Klagen über Beschleunigung sind alt.

Rosa: Ja, spätestens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts sorgen sich Autoren über die zunehmende Geschwindigkeit. "Das Kommunistische Manifest" von Karl Marx ist eine einzige Beschleunigungsdiagnose, in der es heißt, dass die Moderne alles „Ständische und Stehende“ zum Verdampfen bringe. Goethe klagte über den veloziferischen, also teuflisch geschwinden Charakter der Neuzeit.

SZ Wissen: Und was sagen Sie?

Rosa: Meine These lautet, dass man die Moderne in der Tat als Beschleunigungsgeschichte verstehen muss. Beschleunigung verbindet alle anderen Prozesse: Arbeitsteilung ist eine Antwort auf Verknappung von Zeit. Rationalisierung in der Wirtschaft bedeutet Produktivitätssteigerung aufgrund von Beschleunigungsprozessen. Bessere Naturbeherrschung heißt, dass wir Natur schneller umarbeiten können. Ein möglicher Zeitgewinn ist immer das beste Argument, Prozesse auch wieder zu ändern.
Ein Beispiel: Ursprünglich hatte die Industrialisierung dazu geführt, dass Arbeit und Freizeit getrennt wurden. Man arbeitete nur noch in der Fabrik, zu Hause hatte man frei. Mittlerweile vermischen sich die Sphären wieder: In vielen Berufen ist es heute üblich, nach Feierabend noch E-Mails zu bearbeiten oder am Computer zu tippen.

SZ Wissen: Eine Verheißung der Industrialisierung war eigentlich: mehr Zeit für alle.

Rosa: Die kapitalistische Marktwirtschaft versprach so effizient zu sein, dass der ökonomische Existenzkampf irrelevant werden sollte. Noch in den Siebzigerjahren befürchteten Soziologen, dass wir auf eine Freizeitgesellschaft zusteuern, in der die Langeweile das größte Problem sein wird. Erstaunlicherweise ist es so nicht gekommen. In der heutigen Rhetorik heißt es immer nur, wir brauchen mehr Wettbewerb, arbeitet härter.

SZ Wissen: Die Arbeitszeiten sind seit dem 19. Jahrhundert drastisch zurückgegangen.

Rosa: Beschleunigung hat nichts mit der Dauer der Arbeitszeit zu tun. Was sich steigert, ist die Zahl der Handlungsepisoden pro Zeiteinheit. Wir versuchen, immer mehr an einem Tag zu tun. Am Arbeitsplatz und in der Freizeit haben die meisten Menschen deshalb das Gefühl, sie schaffen es nicht mehr. Ich nenne das Temporalinsolvenz: Viele Menschen könnten sich in zeitlicher Hinsicht für bankrott erklären. Soll doch der Insolvenzverwalter entscheiden, wie viel Zeit ich meinem Arbeitgeber, meiner Familie und meinen Freunden schulde.

SZ Wissen: Vielleicht wollen die Menschen einfach zu viel auf einmal?

Rosa: Es geht eher um den Eindruck, wir kommen nicht mit dem hinterher, was wir erledigen müssen. Ein einfacher Test: Haben Sie sich genug um Ihre Rente gekümmert, um die Fitness, um den Handy- oder Stromtarif, die Steuererklärung, die Eltern, die Abgeltungssteuer, die Kinder, um die Freunde, die Hardware, die Software, den Garten, den Urlaub?
Die Listen dessen, was man glaubt, tun zu müssen, verlängern sich. Durch die Ausdifferenzierung der Sozialwelt in immer mehr Teilbereiche, die wir gleichzeitig bedienen müssen, kommt das einzelne Subjekt, das alle Fäden unter Kontrolle halten soll, in Bedrängnis. Ihm läuft die Welt davon.

SZ Wissen: Wirklich überall?

Rosa: Es gibt Entschleunigungsinseln, etwa in Klöstern oder bestimmten Glaubensgemeinschaften wie den Amish. Auch natürliche Prozesse lassen sich nur begrenzt beschleunigen, obwohl zum Beispiel Hühnerzüchter bereits versucht haben, den Tag mit künstlichem Licht und Dunkelheit auf 23 Stunden zu verkürzen, um übers Jahr mehr Eier zu gewinnen. Und es gibt Zwangsentschleunigte wie etwa Arbeitslose.
Aber im großen Ganzen bestimmen drei große Prozesse unsere Gegenwart: die technische Beschleunigung, die Beschleunigung des sozialen Wandels und die Beschleunigung des Lebenstempos.

SZ Wissen: Zumindest technische Beschleunigung sollte uns Zeit schenken.

Rosa: Sie hätte das Potenzial dazu, wenn man bedenkt, dass die Welt gemessen an den Reisezeiten seit der industriellen Revolution etwa auf ein 60stel ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft ist; oder dass die pro Zeiteinheit übermittelte Information allein im 20. Jahrhundert um das Zehnmillionenfache gestiegen ist.
Aber nehmen Sie das Beispiel E-Mail. Sie sollte unser Kommunikationsproblem lösen. Jetzt ist es so, dass wir fünf- bis siebenmal mehr E-Mails schreiben als früher Briefe. Das Gleiche beim Transport: Natürlich würde ich Zeit sparen, wenn ich mit dem Auto nur die Strecken zurücklegen würde, die ich früher zu Fuß absolviert habe. Aber seitdem wir Auto und Flugzeug benutzen, planen wir ganz anders.
Die Steigerungsraten liegen konstant über den Beschleunigungsraten und das führt dazu, dass die Zeit knapp wird. Technische Systeme treiben den sozialen Wandel an. Partner werden ebenso häufiger gewechselt wie Jobs, Freundschaften halten weniger lang, Wohnorte werden des Öfteren gewechselt. Die Stabilitätszeiträume werden überall kleiner.

SZ Wissen: Kann sich der Mensch nicht anpassen?

Rosa: Schon, er tut es ja ständig, versucht, mit Zeitmanagement, Multitasking, schnellerer Arbeit seine Aufgaben zu erfüllen. Nach der Einführung der Eisenbahn haben Mediziner bewiesen, dass menschliche Gehirne und Körper nicht mehr als 30 Stundenkilometer aushalten. Den frühen Eisenbahnreisenden ist nämlich tatsächlich schlecht geworden, weil sie den Blick am Bahndamm fixierten und noch nicht den Panoramablick hatten.
Heute wird uns eher übel, wenn der Zug zu langsam fährt. Unsere Reizschutzmechanismen entwickeln sich ständig weiter. Womöglich können wir durch die Fusion von Computer und Biotechnologie unsere Grenzen auch künstlich weiter ausdehnen. Als Soziologe frage ich jedoch nicht, wie viel Beschleunigung können wir ertragen, sondern: Wie viel wollen wir?

SZ Wissen: Sozialer Wandel bringt aber auch Fortschritte.

Rosa: Wenn das Tempo stimmt. Doch die Halbwertszeit des sozialen Wissens schrumpft derzeit so schnell, dass wir uns ständig mit seiner Aktualisierung beschäftigen müssen, seien es Adressen, Telefonnummern, Passwörter, Parteiprogramme, die Bedienung von Computerprogrammen oder technischen Geräten.
Das führt zu einer Gegenwartsschrumpfung, die vor allem älteren Menschen Probleme bereitet: Alte Menschen sind heute diejenigen, die sich nicht in die Stadt trauen, weil sie nicht wissen, wie der Fahrkartenautomat funktioniert. Alter wird entwertet, weil Erfahrung entwertet wird. Es gibt nicht mehr den weisen Alten, der weiß, wie die Dinge laufen. Man hat die Welt nie ausgeschöpft und kann deshalb nicht mehr lebenssatt sterben.

SZ Wissen: Aber könnte Lebenserfahrung nicht helfen beim Umgang mit menschlichen Grunderfahrungen, die immer gleich bleiben: Niederlagen, Liebe, Tod?

Rosa: Das stimmt nur begrenzt. Auch Liebe und Partnerschaft zum Beispiel werden heute anders interpretiert als früher. Die Ansichten der Älteren wirken dann auch in diesem Bereich anachronistisch. Und zu den Grundproblemen Leiden und Sterben haben wir in einer säkularen Gesellschaft ohnehin nur schlechte Antworten, da hilft auch Erfahrung nicht. Die Angst vor dem Tod ist ja ein weiterer Grund, wieso wir Menschen der Moderne unsere Erlebnisdichte steigern, also unser Lebenstempo erhöhen.

SZ Wissen: Das ist doch eine sinnvolle Strategie. Psychologen sagen, dass viele Erlebnisse im Rückblick zu einem gefühlt längeren Leben führen. Das ist doch schon was.

Rosa: Sie beschreiben das bekannte Zeitparadox: Wenn ich spannende Dinge erlebe und die Zeit schneller vergeht, erscheint sie mir im Nachhinein lang. Ich diagnostiziere jedoch ein Phänomen, dass ich Fernsehparadox nenne: Beim Zappen etwa wechseln Zuschauer alle paar Sekunden das Programm. Dabei vergeht die Zeit wie im Flug. Man will vielleicht nur fünf Minuten gucken, am Schluss sind es zwei Stunden.
Die Zeit ist dann zwar schnell vergangen, aber nach dem Ausschalten fällt sie sofort zusammen, es bleibt nichts zurück. Nach langem TV-Konsum ist man nicht zufrieden und erfüllt, im Gegenteil. Ich glaube, das moderne Zeiterfahrungsmuster weist in vielen Lebensbereichen diese Kurz-Kurz- Struktur auf.

SZ Wissen: Die Erlebnisse können aber auch sein: Kurztrips nach London, Kino und Theater, Bergsteigen am Wochenende.

Rosa: Ich vermute dennoch, dass mit der Erlebnisdichte die Erlebnistiefe abnimmt. Wir erleben zwar sehr viel, aber erinnern uns nur durch Souvenirs und äußere Dingen daran. Wir machen unsere Erlebnisse nicht mehr zum Teil unserer Lebens- und Entwicklungsgeschichte. Wir erfahren kein Wachstum, sondern eine ziel- und richtungslose Veränderung. Das ist kein Fortschritt.

SZ Wissen: Auch die Millionen Musiktitel im Internet machen nicht glücklich?

Rosa: Je leichter verfügbar Güter werden, umso geringer scheint das Glücksmoment zu sein. Ein Musikstück macht mich glücklich, wenn ich mich so intensiv mit ihm beschäftige, dass es zu einem Teil meiner Identität wird und mich zu neuen Erfahrungshorizonten führt. Das gilt auch für Computer und Handys.
Wenn man früher seine erste Stereoanlage gekauft hat, dann hat man die sich anverwandelt: Man wusste, wie sie sich anfühlt und wie sie riecht, man kannte alle Tricks und Kniffs. Mittlerweile werden diese Geräte immer toller, das neue Handy ist bestimmt besser als das alte. Aber es bleibt uns fremd. Wir wissen nicht richtig, wie es funktioniert. Es nervt, dass wir sein Potenzial nicht nutzen können. Zugleich wissen wir, dass es sich auch gar nicht lohnt, sich um das Ding richtig zu kümmern, denn schon bald kommt das nächste.

SZ Wissen: Niemand muss es kaufen.

Rosa: Man muss es nicht und tut es doch. Der moderne Konsument fühlt sich verpflichtet, alle technischen Optionen offen zu halten, selbst dann, wenn er sie gar nicht nutzt. Wir kaufen, ohne dass wir wirklich konsumieren. Denn der Kauf ist genaugenommen nicht der Konsum. Eine CD konsumiere ich, wenn ich sie wirklich anhöre. Viele Menschen haben technische Geräte als reine Option zu Hause und haben ein schlechtes Gewissen, weil sie diese nicht richtig nutzen.

SZ Wissen: Dennoch gibt es Menschen, die sich dieser Dynamik entziehen.

Rosa: Die Sehnsucht nach Entschleunigung steigt. Das zeigt sich an Trends wie Slow Food, esoterischen Bewegungen, Klosterurlaub. Unter Intellektuellen ist derzeit Fernsehverzicht populär. Aber ich vermute, dass diese Beschleunigungsgegner so enden werden wie einst die Eisenbahn- und Telefonfeinde oder die Computer- und Handyfeinde neuerer Zeiten. Wie haben die geschworen, sich nie so ein Gerät anzuschaffen! Und irgendwann steht dann doch der PC auf dem Schreibtisch.
Im Übrigen handelt es sich häufig nicht um Widerstand gegen Beschleunigung, sondern um funktionale Entschleunigung: Ein Spitzenmanager geht drei Wochen ins Kloster, nicht um das System zu bekämpfen, sondern um hinterher umso schneller und erfolgreicher zu werden. Und man muss eigentlich auf Fernsehen verzichten, um alle anderen Optionen wie E-Mail, Internet und DVDs wirklich zu nutzen.

SZ Wissen: Welche Folgen hat die allgemeine Beschleunigung für die Politik?

Rosa: Gesellschaft und Wirtschaft werden schneller, aber demokratische Entscheidungsprozesse werden derzeit zeitaufwendiger, weil die Gesellschaft instabiler und pluralistischer wird. Lange Zeit galt die westliche Demokratie als das unvermeidliche Entwicklungsziel.
Jetzt kommt etwa durch den Erfolg der Chinesen in vielen Entwicklungsländern die Meinung auf: Eigentlich brauchen wir gar nicht diese umständliche repräsentative Demokratie. Da wird auch mit Geschwindigkeit argumentiert. Wenn in Singapur oder China ein Problem auftritt, wird einfach ein Gesetz erlassen und fertig. Der Westen fängt erst mal an zu diskutieren. Ich glaube, dass die Demokratie unter Druck geraten wird.

SZ Wissen: Und man kann gesellschaftlich nichts machen gegen diese Eigendynamik?

Rosa: Wenig. Wie können nicht die moderne Gesellschaft ohne Beschleunigung haben. Und ich glaube nicht, dass die Beschleunigungslogik intrinsische Bremsen hat. Das ist wie ein Wuchern von Krebszellen, die hören erst auf, wenn das System tot ist. Es könnte allerdings sein, dass die Modernisierungsverlierer und Zwangsentschleunigten in der Dritten Welt und bei uns an Einfluss gewinnen.
Auch religiöser Fundamentalismus ist Beschleunigungswiderstand: Dieser will Stabilität um jeden Preis. Aber wollen wir das? Andererseits habe ich ein wenig Hoffnung, weil man in vielen Bereichen feststellen kann, dass zu hohe Geschwindigkeiten bereits dysfunktional werden, sogar einen Wettbewerbsnachteil darstellen.

SZ Wissen: Ein Beispiel?

Rosa: In der Wissenschaft zum Beispiel zählt derzeit vor allem die Zahl der Publikationen, weniger deren Qualität. Deshalb schwillt die Zahl der Veröffentlichungen ständig an, der gleiche Gedanke wird in minimaler Variation mehrmals veröffentlicht, Unausgegorenes wird gedruckt. Wir Wissenschaftler haben deshalb zunehmend weniger Zeit, durchdachte Aufsätze und fundierte Gutachten zu schreiben sowie die Literatur systematisch zu studieren.
Eine einfache Abhilfe mit ausschließlich positiven Nebeneffekten wäre, wenn Forscher sich verpflichten würden, maximal drei Fachaufsätze pro Jahr zu schreiben. Oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft würde erklären, dass sie bei allen Entscheidungen nur drei Publikationen werten. Es wäre wieder eine Freude, wissenschaftliche Zeitschriften in die Hand zu nehmen …

SZ Wissen: Haben solche Initiativen wirklich Aussicht auf Erfolg?

Rosa: Das ist die spannende Frage. Vielleicht käme es auf den Versuch an. Was wäre, wenn sich Computernutzer einfach weigern würden, schon wieder ein neues Betriebssystem zu kaufen, weil sie sich nicht schon wieder umstellen wollen? Oder wenn eine Bank gesagt hätte, wir lassen das Investmentgeschäft und bleiben eine biedere Sparkasse, die stünde jetzt gut da. Das wäre historisch neu, wenn man zeigen könnte, dass eine Verlangsamung einen Wettbewerbsvorteil bringt.

SZ Wissen: Was sollten wir selber tun?

Rosa: Wir sollten uns weiterhin die Frage stellen: Was ist eigentlich ein gutes Leben? Wenn wir einfach nur versuchen, uns an irgendwelche Entwicklungen anzupassen, verraten wir das Projekt der Moderne. Die Moderne ist angetreten, damit uns niemand vorschreiben kann, wie wir leben sollen – weder Kirche, König noch Natur.
Jetzt einfach achselzuckend zu sagen, wir haben gesellschaftliche Prozesse in Gang gesetzt, die wir nicht mehr steuern können und müssen deren Vorschriften akzeptieren, das finde ich einen unerträglichen Fatalismus.

SZ Wissen, Ausgabe 01/2009/mcs
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